Schreibt der SSV Heidenau am Sonntag Geschichte? Die Handballspielerinnen von Verbandsligist SSV Heidenau stehen vor einer historischen Saison. Nach der vorzeitigen Meisterschaft und dem Aufstieg in die Oberliga Sachsen haben die Elbestädterinnen nun auch noch erstmals die Chance auf den Titel im Landespokalwettbewerb.

Im Sachsenpokal sorgten die SSV-Damen mit dem Finaleinzug für eine echte Überraschung. Auf dem Weg ins Finale, das am 10. Mai 2026 in der Ballsport-Arena in Dresden gegen Viertligist BSV Sachsen Zwickau II ausgetragen wird, schlugen die Heidenauerinnen unter anderem im Achtelfinale Zwickaus Ligarivalen Marienberg mit 30:17. Nun sind sie Underdog gegen die Erstliga-Reserve des BSV. Um 14 Uhr ist Anwurf.

Wie stehen die Chancen auf dem Premierentitel? „Wir gehen mit breiter Brust in das Duell. Es wird nicht leicht, aber in dieser Spielzeit gab es auch in der Meisterschaft immer wieder knifflige Situationen, wo es mal eng wurde, wir aber trotzdem kühlen Kopf bewahrt und auch dank der sehr guten Abwehrarbeit gewonnen haben“, erklärt SSV-Trainer Michael Glathe vor wenigen Tagen beim Training. „Diese mentale Stärke verbunden mit der Dominanz“, wie er sagt, lassen ihn auch hoffen, dass es am 10. Mai vielleicht doch mit dem historischen Finalsieg im Landespokal klappt: „Wir sind sicher Außenseiter, müssen uns aber nicht verstecken vor Zwickau.“

Im Punktspielbetrieb war der Staffelchampion bis zum letzten Spieltag ohne Punktverlust geblieben. Nur beim Saisonfinale auswärts gegen den Tabellendritten Görlitzer HC II musste sich Heidenau geschlagen geben, verlor mit 24:28.

Es war also eine fast perfekte Spielzeit, die nach mehreren Rückschlägen in den vergangenen Jahren die wohl beste in der Vereinsgeschichte war. Acht Jahre nach dem Abstieg aus der damaligen Sachsenliga hatte der SSV in diesem März, bereits vier Spieltage vor Schluss, die Rückkehr in die fünfthöchste Spielklasse geschafft.

Das war nach zwei sehr bitter verpassten Aufstiegen in dieser Form vorab nicht unbedingt zu erwarten. Der späte Schock der Vorsaison hat die Mannschaft aber nicht gehemmt. Im Gegenteil: Sie wurde besser und stabiler.

„Der Fokus lag vorab voll auf Aufstieg, die Mannschaft ist eingespielt und individuell stärker“, sagt Janine Nagel (ehemals Tschöcke). Die 35-Jährige ist ein echtes Heidenauer Urgestein. Schon mehrmals hatte sie darüber nachgedacht, aufzuhören. 2022, als der SSV in der verkürzten Corona-Saison alle zwölf Saisonspiele gewann und Meister wurde, war sie zudem mit Blick auf den damaligen Kader und die Familie eine derjenigen älteren Spielerinnen, die gegen den Aufstieg waren.

„Rückblickend war das vielleicht falsch, wir hätten vielleicht unseren Weg dort gemacht“, führt sie fort und wolle „natürlich weitermachen in der Oberliga Sachsen“. „Wir haben uns als Team wahnsinnig gut weiterentwickelt, alle in der Mannschaft treffen, und auch bei Druck steht unsere Abwehr richtig gut.“

Aufgrund der starken Defensive, die auch der Trainer als „entscheidend für den Erfolg“ sieht, mit Abwehrverhalten und den beiden starken routinierten Torfrauen fielen auch Schwächephasen ohne Torerfolg nicht ins Gewicht. Nicht mehr. Denn die einst sich oft wiederholenden torlosen „zehn Minuten“ brachen dem SSV beim Abstieg 2018 das Genick.

„Unser Kader ist jetzt auch stärker, außerdem ist die Trainingsbeteiligung viel besser geworden“, so die zweifache Mutter. „Und Michael hat da noch mal neue Ideen reingebracht. Das Training macht richtig Spaß.“

Michael Glathe spielte mit dem früheren Coach Dirk Stumpe in der Bezirksklasse beim SG Dresdner Bank, als der ihn 2024 fragte, ob er nicht vielleicht die Mannschaft übernehmen wolle. Er müsse kürzertreten. Glathe wollte und machte parallel beim Kreissportbund noch seine DPSB-Übungsleiter-C-Lizenz im Breitensport.

Das Team entwickelte sich weiter. Das Gerüst mit Routiniers stand, Nachwuchsspielerinnen aus der SSV-Talentschmiede wurden erfolgreich etabliert. Im Vorjahr hatte der SSV die Tabelle monatelang angeführt. Verfolger SC Riesa hatte zwei Punkte Rückstand und das Hinspiel gegen die Nudelstädterinnen souverän mit 29:20 gewonnen – am Ende zählt bei Gleichstand der direkte Vergleich in beiden Saisonpartien. Doch das Rückspiel wurde zum Super-GAU für den damaligen Spitzenreiter.

Mit der 13:30-Klatsche kassierten die ersatzgeschwächten Heidenauerinnen nicht nur ihre höchste Verbandsliganiederlage, sondern verloren auch die Tabellenführung und den Titel an die ab da bis zum Schluss punktgleichen Riesaerinnen.

„Das Spiel gegen Riesa hat um ein Vielfaches mehr geschmerzt als das Saisonfinale beim MSV Dresden in der Saison davor“, so Nadja Graffunder. „Niemand hat bei uns damit gerechnet, dass wir nach dem klar gewonnen Hinspiel eine derartige Packung kriegen, da kam auch alles zusammen: sechs Leistungsträgerinnen waren verletzt und Riesa hat voll durchgezogen.“

Schon zwei Jahre zuvor hatte der SSV, damals noch unter Coach Dirk Stumpe, Meisterschaft und Aufstieg auf der Zielgeraden aus der Hand gegeben. Am letzten Spieltag im direkten Duell beim MSV Dresden hatte Heidenau zur Halbzeit geführt und wäre durch den direkten Vergleich am Tabellenführer vorbeigezogen. Doch nach dem Seitenwechsel lief für Heidenau in der proppenvollen Halle der Gastgeberinnen kaum noch viel zusammen. Man verlor 21:25.

Die Enttäuschung über die verpasste Chance war bei Team und mitgereisten Fans spürbar. Und weil ebenjene Riesaerinnen damals nach Punkten gleichzogen und das direkte Duell mit Heidenau in Summe für sich entschieden hatten, wurde der SSV sogar nur Dritter. Bronze statt Aufstieg: Das hatte gesessen. Und nach einer durchschnittlichen Folgesaison, in der weitere Talente im Team integriert wurden, lief es 2024/25 richtig gut.

Bis zum Desaster in Riesa. Das sei aber schnell abgehakt gewesen. „Jetzt haben wir unheimlich Bock auf die Oberliga Sachsen“, ergänzt die 36-jährige Nadja Graffunder, die selbst aus der SSV-Talentschmiede stammt und zwischendurch auch mal in der 3. Bundesliga bei den Rödertalbienen gespielt hatte und angesichts der Teamentwicklung zuversichtlich in die Zukunft blickt.

„Wir haben vor der jetzigen Saison das Ziel formuliert haben, alles zu gewinnen und Spaß dabei zu haben“, blickt ihre Teamkollegin Lara Martin auf 2025/26 zurück. Das habe bisher gut geklappt und stimmt sie auch optimistisch für das Pokalfinale. „Wir müssen uns nicht verstecken, ich freue mich auf die Kulisse in Dresden und auf die vielen Zuschauer. Wir geben hundert Prozent und schauen, was geht.“

Die 22-Jährige ist eine der vielen Nachwuchsspielerinnen, die in der ersten Damenmannschaft integriert werden konnten. Seit 2022 ist sie dabei. „Das Team ist nicht nur eine Mannschaft, sondern so etwas wie eine Familie. Man wächst zusammen mit der Zeit. Mit vielen Spielerinnen spiele ich schon lange zusammen, die Abläufe sind vertraut.“

Auch in der Breite sei der SSV mit seiner zweiten und mittlerweile auch Dritten Mannschaft gut aufgestellt. In der von Nadja Graffunder betreuten Dritten bekommen vor allem die jungen Nachwuchsspielerinnen Wettkampferfahrungen im Frauenbereich. Mit rund 200 Mitgliedern ist die Abteilung Handball die größer beim SSV. Mit über 1.100 Mitgliedern ist der Mehrspartenverein der zweitgrößte im Landkreis. Die Nachfrage sei groß.

Auch begeistert der langjährige Nachwuchstrainer Frank Müller, der 2025 nach 35 Jahren den Vereinsvorsitz abgegeben hatte, bei seinen Ganztagsangeboten an Grundschulen zusätzlich für den Handballsport. Alle Altersklassen von der E bis zur B-Jugend sind besetzt. 2026/27 gibt es außerdem wohl wieder ein F-Jugendteam.

Für die Steppkes seien die Großen tatsächlich Vorbilder, denen sie nachfiebern. Und vielleicht gibt es mit einem nicht unmöglichen Finalsieg im Landespokal noch einen weiteren Schub in Sachen Nachwuchsarbeit.

„Es ist das größte Spiels in der Handballsportkarriere, sicher nicht nur für mich“, sagt Torfrau Anja Laske, die anders als ihre ebenfalls sehr routinierte Kollegin im Tor, Claudia Hauke, nach der Partie aufhören wird. „Das wird noch mal ein richtiger Höhepunkt zum Abschluss.“

(Text/Fotos: Stephan Klingbeil)